Zuhause bei ihr

Sie hatten sich sofort gut verstanden. Ihre Plätze waren auf derselben Seite des Büros und so trafen sie sich nach der ersten kurzen Vorstellung bald wieder beim Kaffee kochen in der Küche, im Fahrstuhl oder vorm Schminkspiegel. Bei der Verabschiedungsfeier eines gemeinsamen Kollegen hatten sie schließlich den Anlass, sich länger über den Esstisch hinweg und später beim Tanzen im Stammclub der Belegschaft zu unterhalten.

Seitdem verbrachten sie ihre Mittagspausen häufig gemeinsam, je nach Wetter entweder mit Sandwiches im Park oder in einem der vielen Bistros in der Umgebung. An manchem stressigen Tag im Büro verabredeten sie sich auch spontan zu einem Glas Wein nach der Arbeit, um Dampf abzulassen und unter viel Lachen die nervigen Probleme des Tages vergessen zu machen. So war es schließlich nicht lange hin, bis Hannah Amelie zu einem Abend bei ihr Zuhause einlud.

„Ich fülle uns nochmal nach.“

Sie hatten bereits eine Flasche Rotwein geleert und Hannah ging mit ihren Gläsern in die Küche. Nach einer kurzen Weile kehrte sie zurück und setzte beide wieder auf der Tischplatte ab. Ihr Glas war zur Hälfte mit dem im indirekten Licht fast blutroten Wein gefüllt, während der Inhalt von Amelies Glas hell golden schimmerte. „Ich dachte mir, du würdest vielleicht gerne einen anderen Tropfen versuchen.“

Hannah streifte ihre Pumps ab und ließ sich auf dem Sofa nieder. Als sie ihren linken Fuß aufs Sitzkissen hochzog, bemerkte Amelie zum ersten Mal, dass es keine schwarze Strumpfhose war, die ihre Kollegin trug, sondern halterlose Strümpfe. Sie überraschte sich selbst damit, wie ihr Herz plötzlich schneller pochte. Ohne es sich selbst einzugestehen, hatte sie seit dem ersten Tag ihrer Begegnung die Anziehungskraft der anderen Frau gespürt. Deren vollkommen offene und entwaffnende Art, ihr natürliches Selbstbewusstsein, hatte sie unerwartet überrumpelt, wo sie doch selbst eigentlich eher schüchtern und zurückhaltend dabei war, neue Freundschaften zu schließen.

„Ich freue mich, dass du hier bei mir bist, Amelie.“

Hannahs Hand strich wie in Gedanken über ihr angewinkeltes Bein, vom Knie das Schienbein hinunter bis zu ihrem Knöchel. Amelie konnte nicht anders, als ihrem Weg mit dem eigenen Blick zu folgen, das schlanke Bein in dem schimmernden schwarzen Nylon zu bewundern, den grazilen Fuß mit den langen Zehen, die in dunkel glänzenden lackierten Nägeln endeten.

Wie eine ertappte Diebin schoss ihr die Röte ins Gesicht, als sie wieder aufschaute und dabei Hannahs braune Augen traf, welche sie aufmerksam beobachteten. „Hier kann ich mich dir richtig widmen“, fuhr Hannah unbeeindruckt fort. Ein feines Lächeln umspielte ihre roten Lippen. „Lass uns auf unsere besondere Freundschaft anstoßen!“ Hannah griff ihr Glas und hielt es zwischen ihnen in der Luft. Mit unfreiwillig zitternder Hand nahm Amelie das eigene Glas am Stiel und ließ es gegen jenes ihrer Freundin klirren. Der Glockenton hallte noch in ihren Ohren nach, als sie das Kristall an den Mund setzte und einen tiefen Schluck nahm, der direkt in ihre Kehle floss. In ihrer Aufregung und Verwirrung bemerkte sie erst einen Moment später, dass es kein Wein gewesen war, den sie getrunken hatte.

Amelies Augen weiteten sich und ihre Lippen versuchten, Worte zu formen, doch kaum ein Stottern entwich ihnen. Sie war gefesselt von Hannahs Blick, der tief in ihrem eigenen ruhte.

„Lass dir Zeit, Amelie. Ich möchte, dass es dir auch wirklich schmeckt.“

Amelie hob ihr Glas und setzte es sich erneut an die bebenden Lippen. Ohne ihren Blick aus Hannahs Augen zu lösen, nahm sie einen zweiten Schluck.